DAS SCHLOSS DER SEEHUNDE

ANDRES LASZLO SR.

In Das Schloss der Seehunde, wird uns Andrés Laszlo als Humorist mit blühender Fantasie und üppigen Ressourcen präsentiert. Das Schloss - das in Wirklichkeit die berühmten türkischen Bäder von Budapest sind und in dem ein Sammelsurium seltsamer Figuren nächtigt, die sich aus verschiedenen Gründen gegen traditionelle Unterbringungsmöglichkeiten entschieden haben - wird aus Sicht des Protagonisten gesehen, dessen echte Identität nicht fraglich ist. Unser Protagonist, ein Schauspieler, schläft in den Bädern, um mit seinem mickrigen Einkommen zu überleben. Jetzt kaufen.

Das Schloss der Seehunde

Andres Laszlo Sr.

 I

Jetzt bin ich in der Lage in aller Kühnheit zuzugeben, daß die Bande, die sich damals in den türkischen Bädern in der Straße Dohány versammelte wirklich zu sehr bunt gemischt war.

Ich wohnte schon vier Monate dort, und obwohl ich anfangs alles tat um meine Einsamkeit zu bewahren, erwies sich meine Mühe doch im Verlaufe der Zeit unglücklicherweise als komplett vergeblich.

Nach zwei Wochen wurde mir klar, daß ich nicht der einzigste war, der an diesem Ort lebte, und diejenigen, die dort wohnten wurden sich ihrerseits meiner Präsenz bewußt. Nachdem sie mich tagtäglich erscheinen sahen, brauchten sie nicht lange um mich mit ihrer Freundschaft zu umgeben.

Es wäre sehr undankbar von mir, wenn ich meine respektablen Leser in die Irre führend, sie in der Meinung belasse, die sie sich mit allem Recht nach dem letzten Absatz über mich gebildet haben. Oder genauer gesagt: daß ich ein Subjekt mit wenigen Freunden bin und etwas ungesellig. Und das ist in Wirklichkeit nicht mal im Entferntesten wahr.

Damit Sie diese Angelegenheit besser verstehen können müssen Sie vor allem wissen, daß ich ordentlicher Schauspieler an dem angesehenen «Teatro Cité» bin. Damit, denke ich, habe ich genug gesagt.

Trotzdem sind meine Honorare überraschend gering, weshalb mein Lebensstandard es mir nicht ermöglicht entsprechend meiner intellektuellen Position und im Einklang mit der sozialen Stellung, die ich einnehmen müßte, zu leben. Die Miete einer 2-Zimmer Wohnung würde mehr oder weniger das Doppelte meines Gehaltes verschlingen, und was die untervermieteten Zimmer betrifft, halte ich sie für unerträglich, und dies ohne in Betracht zu ziehen, daß der Betrag, den ich zahlen müßte um sie beziehen zu dürfen ebenfalls die Hälfte meiner Einkünfte übersteigen würde. Abgesehen davon müßte ich ständig das Gemurre der Vermieterinnen ertragen, die sich beschweren, daß die Wäsche zu schnell schmutzig wird, daß man zuviel Elektrizität verbraucht, daß die Möbel verkratzt werden, über das Geschlecht der Besucher und über lauter anderen Firlefanz meckern, was ein wahrer Künstler nicht gut hinnimmt.

Außerdem verschlimmern diese Frauen ihr unsägliches Verhalten weiterhin, indem sie die Vorauszahlung einer ganzen Monatsmiete verlangen, bevor man auch nur Gelegenheit hatte sich in der Wohnung einzurichten. Dies ist meiner bescheidenen Ansicht nach so unwürdig und erniedrigend wie es nicht übler sein kann, da sie nicht das Recht haben, einem Herren zu mißtrauen, den sie – wenn man es mal richtig sieht - , nicht mal ansatzweise kennengelernt haben.

Die Einrichtungen der türkischen Bäder als Lösung des Wohnungsproblems zu nutzen, bietet einen unzweifelhaften Vorteil. Der Eintritt, in dem das «reichhaltige Frühstück» inbegriffen ist, kostet ein Pengö fünf, aber ein Zehnerblock Eintrittskarten kostet nur siebeneinhalb Pengös, was, einschließlich der – leichtfertig verschwendeten - Trinkgelder von zehn oder zwanzig Cent, eine Ausgabe von nicht mehr als fünfundzwanzig Pengös monatlich bedeutet, und daher einzuräumen ist, daß mein Aufenthalt an diesem Ort eine Folge von sowohl ernsthaften als auch vernünftigen Berechnungen war.

Das imposante öffentliche Gebäude öffnete seine Pforten frühmorgens um fünf Uhr, ein Umstand, der in bewundernswerter Art mit meiner Lebensweise übereinstimmte und zu ihr paßte, da ich von Hause aus ein Nachtschwärmer bin, etwas, das leider allen Künstler von Budapest zu eigen ist. Daher kam es selten vor, daß ich vor dieser Uhrzeit den Club oder das Café verlies. Und dies erklärt warum ich jeden Tag mit extremer Pünktlichkeit bei dem Bäderzuhause eintraf und praktisch immer die erste Person war, die die Schwelle des Etablissements überschritt.

Trotzdem konnte ich nur sehr wenige Male den Eingang als erster erreichen, da mir immer der Panther von Nubien um ein Weilchen zuvorkam. Die Cafés schlossen um vier Uhr morgens und er begab sich unzweifelhaft direkt zu den türkischen Bädern. Aber er überließ mir immer höflich den Vortritt, und somit hatte ich den ersten Platz gesichert.

Das Gebäude war weitläufig und prächtig und bestand aus einem bunten Mischmasch aus dem frühen romanischen Stil und dem späten Rokkoko, ausschließlich erbaut gemäß dem Geschmack des nördlichen Balkans. In seinem Inneren gab es einen großen Salon, einen kleinen Frühstücks- und Leseraum, Friseur, Bügelraum, Ruhesaal mit sechzig mit Wachstuch bezogenen Diwanen und, schlußendlich, einen gigantischen Badesaal mit zwei großen Schwimmbädern und acht weiteren kleinen Bädern, die von achtzehn bis fünfzig Grad gestaffelt waren. Als Ergänzung gab es noch zwei Dampfbäder, jeweils mit trockener und feuchter Luft.

So sah mein Zuhause aus!

Diese zehn Schwimmbäder waren bis sechs Uhr oder halb sieben fast mein exklusives Eigentum, da - obwohl die ersten Badbenutzer kurz nach mir eintrafen- sie doch vorher frühstückten, und somit sehr viel später in dem Bad auftauchten, wenn sie denn überhaupt kamen.

Daher hatte ich diese zwei oder drei Viertelstunden netto für mich alleine, und während ihres Verlaufes konnte ich in aller Ruhe meinen Gedanken nachhängen.

Die frische und unerwartete Luft während der kurzen Strecke, die den Rauch der Cafés von dem Dampf der Bäder trennte, und an die ich nicht gewöhnt war, verursachte mir fast immer Kopfschmerzen. Aber das Unwohlsein dauerte nicht lange an, da das monotone und zitternde Rattern der versteckten Heizkessel genauso wie der noch vollständig reine Dampf und die xylophonischen Rhapsodien der Wassertropfen während sie sanft von der Decke tropften, nicht lange brauchten um das Gefühl der Schwere und die Schmerzen in meinem Kopf und Lungen aufzulösen.

So gegen sechs begannen, -schwarmweise wie die Vögel - , Gruppen von Betrunkenen, und einige der Verkäufer des nahegelegenen Marktes einzutreffen.

Und diese hochgeschätzte Ruhe endete unversehens, verwandelte sich schnell in einen ununterbrochenen Krach, der schließlich störend wurde.

Die Direktion – soviel sei zu ihrer Ehre gesagt – tat alles was in ihrer Macht lag um die Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten; die Wächter, die sich bereits am Eingang abmühten die alkoholische Euphorie der Kundschaft zu dämpfen, waren mit dieser Mission beauftragt. Eine große Anzahl von an der Wand befestigten Schildern verboten Kopfsprünge und übrige Ärgernisse. Es war ebenfalls eine Anweisung zu sehen, die die Badbenutzer an die Pflicht erinnerte sich in Lendenschurz zu zeigen, eine löbliche Anstrengung um jegliche theologische oder biologische Diskussion zu unterbinden.